Haus des Wissens: ein Leuchtturm der Hoffnung für indigene Frauen // Ayutla, Guerrero
Original auf Spanisch auf: tlachinollan.org
Der folgende Beitrag ist eine leicht überarbeitete Fassung des Beitrags von Tlachinollan: Casa de los saberes: un faro de esperanza para las mujeres indígenas
Haus des Wissens: ein Leuchtturm der Hoffnung für indigene Frauen
Ayutla de los Libres, Guerrero, 17. September 2025. In einem Meer von Widrigkeiten feiert im September 2025 das Gemeinschaftszentrum Gúwa Kúma: das Haus des Wissens sein vierjähriges Bestehen im Kampf für die Rechte indigener Frauen. In einer ungleichen Welt, in der Armut, Diskriminierung und Vergessen mit Hoffnung bekämpft werden, geben die Frauen der unterdrückerischen Gewalt nicht nach. Mit 23 Jahren Kampf hat Inés Fernández Ortega, Opfer sexueller Folter durch das Militär, einen Grundstein dafür gelegt, den Kreislauf der Gewalt zu durchbrechen.
Deshalb führte Inés Fernández den Protest-Marsch an, um die Gewalt gegen indigene Frauen anzuprangern. Der Marsch stand im Zeichen des Lebens, der Würde und der Gerechtigkeit. Er begann um 9 Uhr morgens in der Sportanlage von Ayutla, einer von massiver Gewalt geprägten Gegend. Zur gleichen Zeit formierte sich ein Konvoi der Nationalgarde und der Armee in einer Karawane auf der Hauptstraße. Eine Frau an der Spitze des Marsches sagte: „Diese Soldaten sehen nur mit einem Auge, das andere halten sie zu.“
Die Botschafterinnen, Sozialarbeiterinnen, Aktivist:innen und Bewohner:innen des Gemeinschaftszentrums, die Witwen von El Charco und solidarische Menschen marschierten auf dem Asphalt. Gleich zu Beginn erinnerten sie an den Kampf, den Inés geführt hatte, nachdem sie 2002 von Angehörigen der Armee in der Gemeinde Barranca Tecoani angegriffen worden war. Der Weg durch die Institutionen war eine Qual. Die mexikanischen Behörden schenken ihrer Aussage keinen Glauben und missachteten sie als indigene Frau. Inés wandte sich an die Interamerikanische Kommission und dann an den Interamerikanischen Gerichtshof für Menschenrechte (Corte IDH).
Während des Marsches berichtete Noemí Prisciliano Fernández, Rechtsanwältin und Tochter von Inés, dass „der Interamerikanische Gerichtshof für Menschenrechte (Corte IDH) am 30. August 2010 ein Urteil gegen den mexikanischen Staat im Fall „Fernández Ortega und andere gegen Mexiko” gefällt hat, in dem er feststellte, dass sie Opfer schwerer Menschenrechtsverletzungen, sexueller Folter und institutioneller Gewalt durch das Militär geworden war”. . Der Interamerikanische Gerichtshof ordnete umfassende Wiedergutmachungsmaßnahmen an. So ist die Casa de los Saberes eine der gemeinschaftlichen Wiedergutmachungsmaßnahmen, die die Regierungen laut Gesetzt vollständig umsetzen müssen.
Allerdings gab es seit Beginn des Betriebs massive Mängel. Inés und die Botschafterinnen haben darauf gedrängt, dass die Behörden die Lücken schließen, vor allem was die für den weiteren Betrieb notwendigen finanziellen Mittel angeht. Am 1. Oktober 2020 hielt der Interamerikanische Gerichtshof eine Anhörung zur Überprüfung des Zustands des verlassenen Gemeindezentrums ab. Der Druck trug dazu bei, dass es am 17. September 2021 eröffnet wurde.
Aber der mexikanische Staat setzt die Maßnahmen völlig unzureichend um. Es mangelt an allem.„Wir haben uns mit den Behörden getroffen, aber es gab keine Ergebnisse, sie messen einer vom Interamerikanischen Gerichtshof empfohlenen Wiedergutmachung nicht einmal Bedeutung bei. Seit Beginn des Projekts hat Inés es mit eigenen Mitteln vorangetrieben, da es keinen speziellen Fonds für das Gemeindezentrum gibt, um die Begleitung der Opfer zu finanzieren oder die Gehälter der Fachkräfte zu bezahlen, die seit Juli letzten Jahres nicht mehr gezahlt wurden. Vor etwa drei Tagen wurden die Reparaturen am Dach und andere Arbeiten abgeschlossen, aber wir haben drei Jahre lang darum gekämpft, dass uns die Mittel zur Verfügung gestellt werden. Es war ein Kreuzweg, bis sie das Geld für die Instandhaltung freigaben. Das Schlimmste daran ist, dass die Gehälter der Fachkräfte, Botschafterinnen und des Fahrers, der die Opfer begleitet, nicht bezahlt wurden”, beklagte Noemí.
In den vier Jahren seit der Gründung der Casa de los Saberes hat die Gewalt gegen Frauen zugenommen, insbesondere sexuelle Gewalt und das Verschwinden von Frauen. Mehr als 500 Frauen wurden umfassend betreut, mit einem interkulturellen Ansatz und einer geschlechtsspezifischen Perspektive. Noemí Prisciliano erklärte, dass viele Fälle zu ihnen kommen, aber „in diesem Jahr gab es einen Fall sexueller Gewalt, zu dem eine Ermittlungsakte angelegt wurde, der aber in Ometepec vor Gericht kam, weil dort das Gericht ist. Wir haben die Frauen beraten und begleitet”.
In der Struktur des Gemeindezentrums gibt es, obwohl es von Inés geleitet wird, eine kollegiale Leitung mit einer Gruppe von sechs Frauen, die als Botschafterinnen bezeichnet werden. Die Fachleute haben unterschiedliche Spezialgebiete, von Rechtsanwältinnen bis hin zu einer Psychologin, um Frauen, die Gerechtigkeit wollen, umfassend zu betreuen.
Inés und die Botschafterinnen müssen nicht nur gegen die seit Jahrhunderten bestehende Armut, Gewalt und Diskriminierung kämpfen, sondern auch mit den Mängeln im Gemeindezentrum fertig werden, um die Frauen aus den Gemeinden Ayutla, Ñu’u Savi und Acatepec sowie aus Tlacoapa, San Luis Acatlán, Florencio Villarreal und Tecoanapa angemessen betreuen zu können.
Sie verfügen nicht über ausreichende finanzielle Mittel, um die Beratung und Begleitung von Me’phaa-, Na Savi-, afro-mexikanischen und mestizischen Frauen besser zu verfolgen. Sie müssen in die steilen Berge fahren, um Vorträge zur Gewaltprävention in den Gemeinden zu halten. Vorrang hat die Begleitung der Gemeinden, mit einigen Interventionen in den Gemeindeversammlungen. Das Justizhaus der Regionalen Koordinierungsstelle der Gemeindebehörden (CRAC-PC) der Na Savi-Gemeinde El Paraíso hat die Botschafterinnen und Fachleute eingeladen. „Wir haben mehr als 30 Versammlungen zu verschiedenen Fällen in verschiedenen Gemeinden und Kommunen besucht. Wir haben zivile Organisationen um Unterstützung gebeten, aber die Verantwortung liegt bei den drei Regierungsebenen”, erklärte Noemí.
Mit ihren Plakaten in der Hand machten die Demonstranten vor dem Haus der Völker Halt, um an den hartnäckigen Kampf zu erinnern, den Inés vor 23 Jahren begonnen hatte. Sie erklärten die Dynamik der Betreuung im Gemeindezentrum, damit Frauen, die unter Gewalt leiden, dorthin kommen können und Mädchen, Jungen und Jugendliche einen Ort haben, an dem sie weiter lernen können.
Der Marsch endete vor den Räumlichkeiten der Casa de los Saberes. Dort schloss sich Eustolia, die Witwe von El Charco, dem Kampf an, den Inés weiterhin führt. Die Hoffnung liegt in ihrer Organisation, um den Kampf gegen die Militärmacht, aber auch gegen die systematische Gewalt, der indigene Frauen ausgesetzt sind, fortzusetzen.
